Die Perlen aus Poniklá haben Kriege und die Verstaatlichung überstanden. Heute stehen sie auf der UNESCO-Liste
Die Gemeinde Poniklá liegt unweit von Semily, am Fuße des Riesengebirges. In den örtlichen Hütten entstehen – unter der Schirmherrschaft der Firma Rautis – Glasperlen-Weihnachtsschmuckstücke. Ein Produkt, das so einzigartig ist, dass seine Herstellung in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen wurde. Wie sieht heute ein Unternehmen aus, das auf dem Erbe seiner Vorfahren aufbaut, sich aber gleichzeitig den Anforderungen der Moderne stellen muss?
Aus der Ferne sehen sie aus wie zerbrechliche Weihnachtsschmuckstücke. Aus der Nähe erkennt man die Handarbeit: kleine Unregelmäßigkeiten, die belegen, dass sie in den Händen konkreter Handwerker entstanden sind, nicht in einer anonymen Fabrik. Aus Glasperlen werden in Poniklá bis heute Sterne, Engel, Kometen oder Tierchen gefertigt.
„Die ersten Glasperlenmacher kamen um 1870 aus dem Jablonec-Gebiet, aus der Umgebung von Jablonec nad Nisou, nach Poniklá und brachten das Handwerk des Glasperlenblasens mit. Bis dahin verdienten die Einheimischen im Winter ihren Lebensunterhalt mit Weben, was eine recht unrentable Arbeit war. Die Herstellung von Glasperlen war finanziell interessanter. Sie verbreitete sich schnell unter den Nachbarn und wird seitdem von Generation zu Generation weitergegeben“, beschreibt Barbora Kulhavá von Rautis.
Vom Glasrohr zum Erlebnistourismus
Die ursprüngliche Herstellungsweise hat sich bis heute erhalten. „Wir haben eine zentrale Werkstatt und Dutzende von Mitarbeitern, die von zu Hause aus arbeiten. Es handelt sich um ein uraltes Modell, das vor allem in Bergregionen verbreitet war, wo es den Menschen nicht möglich war, jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Nach der Verstaatlichung des ursprünglichen Unternehmens hat es überraschenderweise die gesamte Zeit des Sozialismus und die Privatisierung überstanden“, beschreibt Barbora Kulhavá. Auch heute wird die Herstellung von Glasperlen und Dekorationen in vielen Familien in Poniklá fortgesetzt, und es zeigt sich, dass die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, sehr gefragt ist.
Die erwähnte Werkstatt befindet sich heute in den Räumlichkeiten der ursprünglichen Firma von Stanislav Horna, die sich bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert der Herstellung von Glasverzierungen widmete. Und genau an diese hiesige Tradition knüpfte bereits 1990 die Firma Astir an, aus der dann 1995 Rautis hervorging. Seit 1990 widmet sich auch die Familie von Marek Kulhavý, dem derzeitigen Direktor von Rautis, der Glasperlenherstellung.
Die Herstellung beginnt mit Glasröhrchen, die über einer Flamme erhitzt werden. Die Hände eines erfahrenen Glasperlenmachers geben das heiße Glas dann in eine Form, wo es die gewünschte Form erhält. Nach dem Abkühlen werden die Perlen versilbert, gefärbt und in einzelne Teile geschnitten. Erst daraus entsteht der Schmuck – die Perlen werden auf Drähte aufgefädelt und nach einer Vorlage geformt.
Die größte Krise erlebte das Unternehmen um die Jahrtausendwende, als aufgrund der Wirtschaftskrise die Nachfrage nach Schmuck auf dem damals wichtigsten Markt, den USA, zurückging. Rautis überlebte auch dank der Tatsache, dass es sich den Menschen öffnete. Nach und nach begann es, ein eigenes Kundennetzwerk mit Schwerpunkt auf der Tschechischen Republik aufzubauen, Exkursionen, Kreativworkshops und Firmenveranstaltungen zu organisieren und in den letzten Jahren auch mit Designern zusammenzuarbeiten.
Eine lebendige Tradition statt eines Museumsstücks
Ein wichtiger Impuls für die weitere Entwicklung des Unternehmens war auch die Zusammenarbeit mit der Agentur für regionale Entwicklung. Konkret ging es um die Teilnahme am Programm „PlatInn“, das vom Gründerzentrum Lipo.ink angeboten wird.
„Wir haben nicht nur gelernt, die Markenkommunikation besser zu durchdenken, sondern auch, uns besser in den Kontext der Gemeinde und der Region einzufügen. Jedes Jahr besuchen uns über 14.000 Menschen. Es liegt an uns, das Parken und die Bewegungsfreiheit der Besucher in der Gemeinde so zu gestalten, dass sowohl Einheimische als auch Touristen zufrieden sind“, sagt Marek Kulhavý, Geschäftsführer von Rautis. Er fügt hinzu, dass gerade die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Gemeinde im Tourismus das Thema seines Beitrags auf der Herbstkonferenz der Destinationsmarke Northern Bohemia sein wird.
Das Aushängeschild der Zusammenarbeit ist für Rautis das Projekt „Kristalltal“, das die Glasmacher der Region miteinander vernetzt und ihnen starke Marketingunterstützung bietet. Es öffnet den Glasmachern aus Poniklá die Türen zu neuen Kooperationen, zum Erfahrungsaustausch und zur Werbung für das Handwerk aus Poniklá im Ausland.
Im Übrigen war die Tatsache, dass sich das Perlenhandwerk ständig weiterentwickelt und lebendig an nachfolgende Generationen weitergegeben wird, eine der Hauptvoraussetzungen für die Aufnahme in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO.
„Das ist für uns eine große Ehre. Wir betrachten die Aufnahme in die Liste als Dank an alle früheren und heutigen Perlenmacher, die sich um die Bewahrung der Tradition und des Handwerks verdient gemacht haben“, ergänzt Barbora Kulhavá, die 2018 ein Buch über die Geschichte des Handwerks geschrieben hat.
Marek Kulhavý spricht über die Vision für die kommenden Jahre: „Dank der Teilnahme am PlatInn-Programm und der Zusammenarbeit mit unserem Mentor haben wir verstanden, dass wir uns keine einfachen und kleinen Ziele setzen sollten. Deshalb möchten wir, dass neben Karpfen, Weihnachtsbaum und Plätzchen auch ein Stern zu den tschechischen Weihnachtstraditionen gehört. Der echte Stern, aus dem Riesengebirge, aus Poniklá“, schließt er.